Positivismus

Wenn eine Machtinstanz von Vertreter*innen der Gesellschaft angesprochen wird, nimmt sie verschiedene Gesichter an: Sie zeigt sich mal wohlwollend und gütig, mal offen und transparent, mal übermächtig und grausam. Die Wirtschaftsmacht präsentiert sich gern als Macht der Wissenschaft, der Rationalität und Effizienz.

Seit bereits zwei Wochen versuchen wir mit den internationalen Institutionen, die angeblich im Namen der Gesellschaft die Finanzwirtschaft regulieren, ins Gespräch zu kommen. Angeblich schützen sie den*ie Konsument*innen und gewährleisten ein funktionierendes Zahlungssystem, die Liquidität der Kreditinstitute und die Vertraulichkeit von Transaktionen. All dies in unserem Interesse, dem Interesse der Gesellschaft, der sie nach eigener Aussage dienen. Seit zwei Wochen schon versuchen wir, mit diesen Institutionen zu reden und mit den Menschen, die für sie arbeiten, mit unseren Stimmen und den Worten derer, die sich durch uns Gehör zu verschaffen versuchen, den Besucher*innen der 6. Athens Biennale ANTI und mit den Worten der User*innen unserer Website, die dort ihre Fragen stellen.

Die Institutionen zur Regulierung des Finanzwesens und ihre Mitarbeiter*innen antworten in der Sprache der Wirtschaftswissenschaft: positiv, unabhängig, unparteiisch, rational, gemäßigt. Viele Worte, die alles und nichts bedeuten können, die sich tänzelnd um unsere Fragen herum bewegen und doch keine Position beziehen; fachspezifische Worte, die vorgeben präzise und unvoreingenommen zu sein. Wozu dieser ganze Aufwand? Um das schon Offensichtliche noch einmal zu verdeutlichen? Dass Macht, sei sie wirtschaftlicher, politischer oder kultureller Natur, sich stets als logisch, gerechtfertigt und moralisch darstellt? Dass Macht, wenn sie angezweifelt wird, sich unter Bezugnahme auf den Diskurs, den sie verursacht hat, selbst als Wissenschaft legitimiert?

Die Wirtschaftswissenschaft weist ein schier unermessliches Repertoire an normierender, homogenisierender Rhetorik der Ungleichheit auf. Sie erklärt ihre Überlegenheit über jede Person und jeden Ort, die sich den Maximierungs- und Rationalisierungsmechanismen industrieller Produktion und den Manipulationen des Finanzkapitalismus entziehen. Das ist leider nichts Neues. Doch wir werden nicht aufhören, die Macht der Wisschenschaft, die Macht der Obrigkeit, die Macht der Institutionen in Frage zu stellen. Mit unseren Stimmen und den Worten der Menschen, die sich von der Debatte ausgeschlossen und betrogen fühlen, den Menschen, die ihre Jobs, ihre Ersparnisse und ihr Zuhause verloren haben – nicht weil sie die Gesetze der Wirtschaft nicht verstehen würden, sondern weil eben diese Gesetze der Wirtschaft den Ausstoß, den Betrug und den Raub an der Bevölkerung legitimieren.

Von Georgios

Kommentar

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